Mit Spirit und Haltung in die Schule der Zukunft

Die Pandemie hat Kinder, Jugendliche und ihre Lehrer*innen nach Hause geschickt und neue Formen des Unterrichtens und Lernens erforderlich gemacht. Corona, so die Erkenntnis und auch Hoffnung, schiebt die vernachlässigte Digitalisierung an Deutschlands Schulen an. Wenn wir die Schulen und damit die Bildung unserer Kinder zukunftsfähig bekommen möchten, sollten wir digitale Chancen klug und sinnvoll nutzen. Dabei geht es nicht nur um das Beherrschen von digitalen Techniken, sondern auch um verlässliche Informationen, das grundlegende Verständnis von Zusammenhängen und wertschätzende Kommunikation. Die Schule muss junge Menschen auf eine sich rasch verändernde (Arbeits-)Welt vorbereiten, deren Themen und zukünftige Berufe wir heute zum Teil nicht kennen.

Allein das ist schon eine große Aufgabe. Aber es geht noch um so viel mehr: Momentan beobachten wir gravierende Klimaveränderungen und zeitgleich die Erschütterung der Gesellschaft durch Rassismus und Extremismus. Es liegt auf der Hand, dass wir in Zukunft nur gut leben und zusammenleben können, wenn wir die Vielfalt unserer Erde schätzen, schützen und für das Wohlergehen unserer Gesellschaft nutzen. Wer aber bereitet, neben den Eltern, die junge Generation verlässlich darauf vor, verantwortungsvoll zu handeln? Lehrer*innen und Schulleiter*innen haben meines Erachtens gerade heute einen der wichtigsten Berufe der Welt und – völlig zu Unrecht – in Deutschland ein schlechtes Image!

Um ihre „Berufung“ bestmöglich ausüben zu können, braucht es in den Schulen einen bestimmten „Spirit“, eine Haltung, die Austausch und Innovation ermöglicht. Haltung zu zeigen für zentrale Werte unserer demokratischen Gesellschaft wie Meinungsfreiheit oder (Chancen-)Gleichheit: Das hört sich vielleicht selbstverständlich an, kann aber im Klassenzimmer schnell schwierig werden. Was spreche ich an, wo äußere ich meine Ansicht, wo lieber nicht? Ihre Haltung können Lehrkräfte leichter vertreten, wenn sie sich zuvor mit Schulleitung und Kollegium auf ein gemeinsames Werteverständnis geeinigt haben. So entsteht die notwendige „Rückendeckung“.

Gleiches gilt für Innovationsfreude an Schulen: Um Neues auszuprobieren, braucht es nicht nur Neugierde und Mut, sondern auch Zeit und Raum mit Gleichgesinnten, um voneinander zu lernen und gemeinsam etwas zu entwickeln. Im nächsten Schritt bedeutet Experimentieren aber auch, Fehler begehen zu dürfen, um an ihnen zu wachsen. Schulleiter*innen und Lehrer*innen brauchen Freiräume, um kreativ sein und neu denken zu können.

Dabei ist Abgucken eindeutig erlaubt: Lehrkräfte und Schulleiter*innen müssen nicht für jede Herausforderung die Lösung neu erfinden. Es gibt viele gute Ideen, Projekte und Programme – im Klassenzimmer nebenan, an benachbarten Schulen, im ganzen Land. Nur: Man braucht die Chance, sich auszutauschen. Nicht nur als zufällige Begleiterscheinung, sondern fest verankert und zeitlich budgetiert im Schulalltag – zum Beispiel auch als Weiterbildungsangebot der Heraeus Bildungsstiftung.

Im kreativen Miteinander – am besten zwischen Schulverwaltung, Schulleitung und Lehrkräften – fehlt allerdings noch eine entscheidende Position: unsere eigene, Dinge neu zu betrachten und Veränderung zuzulassen. Wertschätzung für den Lehrerberuf wäre ein guter Anfang!

Dr. h. c. Beate Heraeus

Vorstandsvorsitzende der Heraeus Bildungsstiftung

(Fuldaer Zeitung, 17.11.2020, Gastkommentar)

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