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„Lehrer ist ein people‘s job“

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„Lehrer ist ein people‘s job“

Interview mit Tobias Kammer, Preisträger Deutscher Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ

Der Deutsche Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ, verliehen von der Heraeus Bildungsstiftung und dem Deutschen Philologenverband, zeichnet nicht nur innovative Unterrichtsprojekte und professionelle Schulleitungen aus, sondern auch Lehrer*innenpersönlichkeiten, die für ihre Schüler*innen einen großen Unterschied machen. Lehrer*innen, die ihnen auf Augenhöhe begegnen. Die nicht „nur“ fachlich fit sind, sondern die Kinder und Jugendlichen begleiten und stärken. Einer von ihnen ist Tobias Kammer, Lehrer für Französisch und Pädagogik an der UNESCO-Schule in Essen. Wir haben ihn zum Gespräch getroffen.

Bevor wir so richtig ins Gespräch einsteigen: Was ist eigentlich ein Aufbaugymnasium?

Tobias Kammer: Ja, als Aufbaugymnasium und als UNESCO-Schule mit dem Konzept der Vielfalt und Toleranz sind wir tatsächlich einzigartig in ganz Nordrhein-Westfalen. Unser Ziel ist es, begabten Schülerinnen und Schülern von Realschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen die Chance auf das Abitur zu bieten. Wir arbeiten dem Problem entgegen, dass unser Schulsystem so wenig durchlässig ist, zumindest von „unten“ nach „oben“. Wir wollen die Durchlässigkeit nach „oben“ öffnen. Die Familien unserer Schüler*innen kommen aus vierzig Nationen und die Kinder haben in der Regel keine Standard-Bildungsbiografie. Jede*r kommt mit seiner oder ihrer ganz persönlichen Geschichte zu uns.

Warum bist du Lehrer geworden?

Das war erst nicht so klar, dass ich wirklich Lehrer werden wollte, ziemlich lange sogar nicht, noch über das Referendariat hinaus. Meine Begeisterungsfähigkeit ist Last und Freude zugleich. Erst wollte ich nach dem Abi Psychologie studieren, dann habe ich doch auf Lehramt Philosophie und Technik studiert, dann kam ich über Umwege zu Französisch und Pädagogik, worüber ich heute sehr glücklich bin. Promotionsangebote habe ich im Studium auch bekommen und mich gefragt: Will ich an der Uni bleiben? Oder doch lieber, was ganz anderes, im Ausland beim Auswärtigen Amt arbeiten? Dann habe ich mich aber für den Lehrerberuf entschieden, denn: Schule ist toll! Die Arbeit mit Jugendlichen macht mir einfach großen Spaß, sie haben immer eine neue, andere Perspektive, einen neuen Blick, es geht immer irgendwie „aufwärts“. Und ich will helfen, das ist mir auch noch wichtig. Es gibt immer wieder neue Chancen und Herausforderungen, Schüler*innen zu unterstützen, und das treibt mich morgens an. Ich bin seit zwölf Jahren Lehrer und froh darüber. Auch wenn mir klar ist, dass ich nicht die nächsten dreißig Jahre an der Schule und in dieser Blase bleiben möchte.

Was motiviert dich?

Mit ein bisschen Pathos formuliert: Mich motiviert es unglaublich, Schüler*innen all das in ihren Rucksack zu geben, was sie für ihr Leben später brauchen. Also Kinder fit zu machen für ihr zukünftiges Leben. Ich spreche hier nicht nur von Inhalten. Ich thematisiere mit den Schüler*innen auch: Wie erkenne ich, welchen Beruf ich später haben möchte? Woher weiß ich eigentlich, was mich glücklich macht im Leben? Wie gehe ich mit Fehlern um? Aber erst in der Verbindung von Inhalten und Fähigkeiten kann das entstehen, was wir nach Klafki kategoriale Bildung nennen: eine Bildung hin zu einer selbstbestimmten, freien Persönlichkeit. Das können wir in der Schule nur über den persönlichen Bezug schaffen, auf der persönlichen Ebene. Lehrer ist ein „people`s job“! Die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler*innen wird bei uns ganz großgeschrieben. Ich mache mit den Jugendlichen zum Beispiel ein halbes Jahr lang „Unterricht ohne Unterricht“ (er grinst) – den Titel finden sie gut: Das ist Projektarbeit, bei der sie in der Auseinandersetzung mit den Inhalten ihre Fähigkeiten kennenlernen und Soft Skills erwerben.

Wie würdest du deine Rolle als Lehrer beschreiben?

Sammeln wir mal: Ich bin Coach, Motivator, Verwalter, Beamter, Erzieher, der auch disziplinieren muss, und Vorbild. Was Lehrer*innen heute nicht mehr sind, ist: Verwalter*innen von Wissen. Das ist in unserem digitalen Zeitalter vorbei. Die Schule hat nicht mehr das Wissensmonopol. Ich lerne auch ganz viel von meinen Schüler*innen: Unterricht ist keine Einbahnstraße, beide Seiten lernen voneinander. Ich weiß auch nicht immer alles. Am Anfang meines Berufswegs habe ich versucht, das zu kaschieren. Heute weiß ich: Das Eingestehen von Fehlerhaftigkeit, also wenn der Lehrer selbst Fehler eingesteht, ist ein ganz wichtiger Schritt für eine positive Fehler- und Lernkultur. Wir sind alle nur Menschen und wir alle machen Fehler.

Was würdest du am Schulsystem ändern, wenn du könntest?

Eine schwierige Frage bei unserem so komplexen Bildungssystem in Deutschland! Erst mal möchte ich betonen: Meiner persönlichen Erfahrung nach macht der überragende Großteil von Lehrer*innen einen richtig guten Job und setzt sich wirklich mit ganzen Kräften für die Schüler*innen ein. Das ist manchmal so nach außen hin vielleicht nicht immer bewusst oder sichtbar. Wenn ich etwas ändern dürfte – ohne dafür sofort gefeuert zu werden –, dann würde ich das mehrgliedrige Schulsystem abschaffen und ein bundesweites Einheitsschulsystem einrichten, ohne Privatschulen. Wir sind laut Studien Weltmeister in Sachen Bildungsungerechtigkeit. Die Zuweisung von Schüler*innen auf Schulformen wird stark von sozioökonomischen Faktoren beeinflusst. Ein Einheitsschulsystem wäre viel durchlässiger. Und die Eltern der Kinder, die heute auf Privatschulen gehen, hätten ein größeres Interesse an guten öffentlichen Schulen und würden sich dafür einsetzen.

Interview: Valeska Falkenstein

Tobias Kammer lächelt in die Kamera