„Wir müssen Lehrern die Angst nehmen, es nicht zu können“

Kreide oder Tablet? – Wie sieht das Klassenzimmer der Zukunft aus? Auf dem hr-iNFO-Podium in Ober-Ramstadt diskutierte Vorstandsvorsitzende Dr. h. c. Beate Heraeus mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Schule über die den digitalen Lebensraum Schule

Die Digitalisierung unseres Alltags schreitet immer schneller voran und macht auch vor dem Lebensraum Schule nicht halt. Doch wie sieht das Klassenzimmer der Zukunft aus? Wer steht in der Pflicht, es zu gestalten? Beim Blick auf die Fakten wird schnell klar, dass es in hessischen Schulen Nachholbedarf im Umgang mit Tablet, Smartboard und Co. gibt: Drei Viertel der Lehrkräfte nutzen weniger als einmal pro Woche digitale Medien im Unterricht. Das liegt zum einen daran, dass es in den Klassenzimmern an entsprechenden Geräten fehlt. Zum anderen sind Lehrende oft nur unzureichend geschult, um digitale Medien zielgerichtet in der Arbeit mit ihren Schülern einzusetzen. 80 Prozent der Lehrer fordern daher eine digitale Strategie.

Dr. h. c. Beate Heraeus, Vorstandsvorsitzende der Heraeus Bildungsstiftung, diskutierte hierzu am vergangenen Dienstag auf dem hr-iNFO-Podium in Ober-Ramstadt mit dem hessischen Bildungsstaatssekretär Dr. Manuel Lösel, dem Medienpädagogen Prof. Dr. Stefan Aufenanger (Institut für Bildungswissenschaft der Universität Mainz), Torsten Larbig (Studienrat an der Schillerschule Frankfurt am Main und Blogger) und Patrice Leon Becker (Schüler der Schillerschule). Hr-iNFO und die Heraeus Bildungsstiftung hatten zu der hochkarätig besetzten und von Petra Boberg und Stefan Bücheler moderierten Diskussionsrunde in die Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule eingeladen.

Finanzielle Ressourcen begrenzt

Sind die Schulen in Hessen ausreichend mit digitalen Endgeräten ausgestattet? Nach Einschätzung des Medienpädagogen Prof. Stefan Aufenanger lautet die Antwort ganz klar „nein“: „Digitale Unterrichtshelfer und -materialien wie Smartboards oder Tablet-PCs werden noch nicht in ausreichendem Maße genutzt. Dabei könnten gerade Tablets für deutlich mehr Mobilität im Unterricht sorgen“, erklärte der Mainzer Erziehungswissenschaftler. Der Grund für die mangelnde Verfügbarkeit entsprechender Geräte liegt wie so oft am fehlenden Geld – auch wenn das Land Hessen jährlich einen Betrag von rund 2,7 Millionen Euro an die hessischen Schulen überweist, wie Staatssekretär Dr. Manuel Lösel betonte: „Die Schulen dürfen autonom entscheiden, wofür sie die vorhandenen Mittel einsetzen. Für uns ist wichtig, dass die Schule weiß, wohin das Geld fließt. Das wollen wir aus Wiesbaden nicht vorschreiben.“. Gleichzeitig gab Lösel aber zu bedenken, dass die finanziellen Ressourcen begrenzt seien und daher nicht alle Wünsche erfüllt werden könnten. Zudem sei es notwendig, die inhaltliche und praktische Medienkompetenz der Lehrkräfte zu erhöhen, damit sie den Schülern nicht hinterherhinkten.

Eigeninitiative der Lehrer gefordert

In diesem Zusammenhang beklagte Blogger Larbig, dass es in Hessen an einem Masterplan für die digitale Bildung fehle. Dem entgegnete Lösel, er sei „überzeugt, dass unsere Schulen selbst wissen, wie sie sich entwickeln wollen“ und die Politik lediglich einen losen Rahmen setzen müsse. Geht es nach Larbig, dann seien bei der Qualifizierung von Lehrenden vor allem die Pädagogen selbst in der Pflicht: „Ich wünsche mir mehr Aktivität von Seiten der Lehrer, allerdings nicht über die Belastungsgrenze hinaus. Aber wenn sich ein Lehrer selbst mehr Qualifikation wünscht, dann soll er sich auch selbst fortbilden.“

Eine Frage der Haltung

Der Einsatz digitaler Medien im Schulunterricht ist nicht nur eine Frage der Ausstattung und der Qualifizierung, sondern auch der persönlichen Einstellung und Haltung der einzelnen Lehrer. Vorbehalte gegenüber digitalen Medien seien oftmals Ausdruck von eigener Unsicherheit und fehlendem Mut. Es sei die Aufgabe aller Beteiligten, dies zu ändern: „Wir müssen Lehrern die Angst nehmen, es nicht zu können. Der Lehrer muss seine Rolle als Moderator begreifen“, appellierte Dr. Beate Heraeus. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg könnte auch die enge Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Schülern sein: „Ich wünsche mir engagierte Lehrer, die das Thema gemeinsam mit den Schülern entwickeln und erarbeiten“, sagte Patrice Leon Becker, Schüler der 12. Klasse an der Frankfurter Schillerschule.

Lieber Tablet statt „Zettelwirtschaft“ und Bücher – Handschrift trotzdem wichtig

Larbig stellt in seinem Alltag an der Frankfurter Schillerschule fest, dass manche Schüler digital besser arbeiten und lernen können, als mit „klassischen“ Lernmaterialien wie Bücher oder Arbeitsblätter. Einer von ihnen ist beispielsweise Podiumsgast Patrice Leon Becker, zudem ein absoluter Verfechter des digitalen Klassenzimmers. „Ich möchte keine Zettelwirtschaft und keine Bücher mitschleppen müssen. Das Geld, das in ganz Hessen an Kopien eingespart werden könnte, kann wiederum in die digitale Ausstattung der Schulen investiert werden“.

Hat die Digitalisierung also ausschließlich positive Effekte auf die persönliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler? Oder geht die voranschreitende Digitalisierung zu Lasten der handschriftlichen Ausdrucksfähigkeit? „Das darf auf gar keinen Fall passieren“, sagt Dr. Beate Heraeus. Man dürfe trotz neuer Möglichkeiten „nicht alles über Bord werfen“. Das sieht auch Lösel so: „Ich liebe Papier. Die Handschrift ist extrem wichtig, da sich meiner Erfahrung nach geschriebene Dinge besser merken lassen.“ Für Patricee Leon Becker schließt das eine das andere keinesfalls aus: „ „Handschrift ist auch auf Tablets möglich. Wichtig wäre, zusätzlich das Zehn-Finger-System für Computer zu erlernen.“

Zum Abschluss der Diskussion wünschte sich Larbig, dass die Schulträger nicht zum Verhinderer einer digitalisierten Schule werden: „Angesichts der Tatsache, dass Schule nur eine Form des Lernens darstelle und immer mehr Wissen in die Digitalität wandere, sei ein generelles Umdenken notwendig.“ Dr. Beate Heraeus appellierte, Schule als eine Institution zu begreifen, die dafür sorgt, dass unsere Gesellschaft breit aufgestellt ist. „Das muss auch so gelebt werden.“

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