Pro Diversity 2015: Bauch oder Kopf – wie kommt man besser ans Ziel?

Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur diskutierten im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt die Rolle von Bauchgefühl und Kopfentscheidungen bei der Suche nach Lösungsstrategien

Im Jubiläumsjahr der Heraeus Bildungsstiftung haben Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur bei Pro Diversity 2015 vor rund 400 geladenen Gästen zu dem Thema „Bauch oder Kopf – Wie kommt man besser ans Ziel?“ im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt diskutiert.

Neben Prof. Dr. Dr. h.c. Volker Mosbrugger, Generaldirektor des Senckenberg Naturmuseums Frankfurt und Carsten Kratz, Senior Partner und Deutschlandchef von The Boston Consulting Group, tauschten in diesem Jahr Dr. Florian Ilgen, Mentalist und Gedankenverführer, Prof. Dr. Dr. Dr. med. habil. Hanns Hatt, Biologe, Mediziner und Geruchsforscher (Ruhr-Universität Bochum) und Dr. Andreas Pallack, Schulleiter des Franz-Stock-Gymnasiums Arnsberg, ihre ganz persönlichen Sichtweisen zur Bedeutung von rationalen und instinktiven Entscheidungen für eine optimale Lösungsstrategie aus. Durch die Diskussion führte auch in diesem Jahr TV-Moderatorin Nina Ruge.

In ihrem Eröffnungsvortrag erläuterten Mosbrugger und Kratz zunächst die Macht von rationalen und erfahrungsbasierten/instinktiven Entscheidungen in der Natur sowie in Wirtschaft und Gesellschaft. Der Generaldirektor des Senckenberg Naturmuseums erklärte in seiner Eröffnungsrede, dass eine Entscheidung oft von einem Zusammenspiel aus Intuition bzw. Instinkt und Ratio abhänge. Manager Kratz betonte aus der wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive die wachsende Bedeutung von intuitiven, emotionsbasierten Entscheidungen und wünschte sich mehr Mut zum Bauchgefühl.

Seit Anbeginn sind wir Menschen mit einer überlebensnotwendigen Eigenschaft ausgestattet: In Sekundenbruchteilen können wir instinkthaft Situationen und Emotionen erfassen, bewerten, einordnen und reagieren. Bauchgefühl  und Vorahnung haben uns alle schon in mancher Lebenslage vor dem sicheren Tod bewahrt. Unsere „sieben Sinne“ liefern uns wichtige Informationen für ein vollständiges Bild unserer Umwelt und liefern damit die entscheidende Handlungsgrundlage.

Wie lässt sich diese Erkenntnis auf unsere heutige Berufswelt übertragen? Intuition kann uns helfen, „aus dem Bauch heraus“ eine gute Entscheidung zu treffen, ohne alle zugrunde liegenden Zusammenhänge vollständig zu verstehen. Erfolg und Misserfolg eines Unternehmens oder eines Projekts ist neben harten Fakten auch vom „siebten Sinn“ der Entscheidungsträger abhängig. Erkennen wir ausreichend die Signale der Sinne und des Unbewussten und nehmen wir sie ernst? Oder leiten sie uns möglicherweise fehl? Sind wir über sie manipulierbar? Wann trauen wir unseren naturgegebenen Instinkten?

Einig waren sich die Podiumsteilnehmer darüber, dass Intuition und Ratio eine sehr enge Verbindung in den Gedanken und Entscheidungsprozessen der Menschen haben. Für Carsten Kratz ist Intuition auch Erfahrung: „Im beruflichen Alltag ist Intuition auch etwas wie kumulierte Erfahrung und diese spielt in allen Bereichen der Wirtschaft eine große Rolle.“ Einen vernünftigen Wachstumspfad in der Industrie gebe es nur durch Innovationen, doch gerade hier kann man nicht auf Erfahrungen zurückgreifen. Somit bleibe nur noch das Bauchgefühl. „Wir müssen Intuition öfter zulassen“, forderte Kratz.

Dr. Florian Ilgen sprach aus seiner Bühnenerfahrung: „Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie Ratio und Intuition zusammenarbeiten. Vorentscheidungen werden oft auf rationaler Basis getroffen, doch am Ende sind wir in unseren Entscheidungsmomenten auch immer beeinflussbar und anfällig für Manipulation.“

Auch Dr. Andreas Pallack sprach sich für das Bauchgefühl aus: „Ich habe als Mathematiker einen gewissen Drang, Dinge zu rationalisieren, auch wenn das eigentlich gar nicht möglich ist. Manche Entscheidungen lassen sich nicht rational begründen.“ Wir müssten Verantwortung für unsere Entscheidungen übernehmen und uns bewusst werden, wie groß in den einzelnen Fällen die Rolle der Vernunft tatsächlich war, und wie viel auf unser Bauchgefühl zurückzuführen ist. Bei der Notenvergabe beispielsweise könne man sich nicht nur auf seine Intuition verlassen. Dies sei eine Entscheidung, die für den Lehrer keinen persönlichen Nach- oder Vorteil bringt. „Wir müssen unsere Entscheidungen einmal von außen betrachten.“

Prof. Dr. Dr. Dr. med. habil. Hanns Hatt plädierte für einen Perspektivwechsel: „Die Notenvergabe bringt durchaus auch dem Lehrer einen Vor- oder Nachteil. Gute Noten an einen guten Schüler zu verteilen gibt ihm ein gutes Gefühl.“ Und dabei ginge es bei der Intuition eben auch: bei Entscheidungen einen Vorteil für sich selbst herauszuschlagen. Das habe evolutionäre Gründe, so der Biologe. „Unser Gehirn ist darauf getrimmt, immer alles rational erklären zu wollen, das ist aber gar nicht möglich.“ Das liege daran, dass Menschen unterbewusst manipulierbar sind. So könne beispielsweise ein zufällig auftretender Duft eine Erinnerung oder ein Bild in uns hervorrufen, das wir mit diesem Geruch verbinden. Diese Erinnerung beeinflusst uns in unserer Entscheidungsfindung erheblich. „Düfte sind die am stabilsten verankerten Erinnerungen in unserem Gehirn. Zum Teil hält diese Erinnerung ein Leben lang an.“

Der allgemeine Konsens der Podiumsteilnehmer lag also darin, dass Ratio und Intuition eng miteinander verbunden sind. Problematisch sei dies insbesondere dann, wenn Menschen kreativ sein müssen: „Kreativität entspringt der Intuition und wird durch die Vernunft blockiert“, so Dr. Ilgen. Menschen sollten zu ihren Instinktentscheidungen stehen und sich nicht dafür rechtfertigen müssen, einmal nicht gänzlich rational gehandelt zu haben. Moderatorin Nina Ruge fasste es treffend zusammen: Intuition sei gefühltes Wissen, dass wir nicht rational begründen können. (rd/M5)

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