PRO DIVERSITY 2017: Vom Neandertal ins Digital – und die Werte bleiben auf der Strecke?

„Auf die Energie, mit der es hier Richtung Zukunft geht, war ich nicht vorbereitet. Aus einem Tal bei San Francisco kommt ein Tsunami von Innovationen in die Welt. Er wird sie grundstürzend verändern!“ Mit diesem Zitat aus der Dokumentation „Schöne Neue Welt“ von Angela Andersen und Claus Kleber startete die Diskussionsrunde, die sich am Abend des 4. Mai 2017 im Senckenberg Naturmuseum Frankfurt bei der Podiumsdiskussion Pro Diversity 2017 traf, in einen Diskurs darüber, welche Auswirkungen der technische Fortschritt, zum maßgeblichen Teil durch Firmen aus dem sogenannten Silicon Valley vorangetrieben, auf unsere Gesellschaft hat beziehungsweise haben wird. Viele interessierte Gäste folgten der Einladung der Heraeus Bildungsstiftung und ihrer Kooperationspartner Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und BCG – The Boston Consulting Group – wie das bis auf den letzten Platz gefüllte Naturmuseum zeigte. Wie verändert sich unsere Welt? Was macht es mit unserem Alltag? Welchen Effekt hat es unter Umständen auf unsere Werte? Welche Ängste werden geschürt? Welche Chancen ergeben sich?

Podium ProDiv 2017-1 gross

(v.l.n.r.: W. T. Küstenmacher, Prof. Dr. K. Böhning-Gaese, Dr. S. Nordhofen, C. Kratz, K.-H. Streibich, A. Schulte, Prof. Dr. V. Mosbrugger, Dr. h.c. B. Heraeus, Dr. C. Kleber, M. J. Hartung)

Unter Moderation des Journalisten und Buchautoren Manuel J. Hartung, Ressortleiter von ZEIT CHANCEN, diskutierten auf dem Podium:

  • Dr. Claus Kleber (Jurist, Journalist und Fernsehmoderator von ZDF heute journal)
  • Werner Tiki Küstenmacher (Bestsellerautor und ehrenamtlicher evangelisch-lutherische Pfarrer)
  • Karl-Heinz Streibich (Vorstandsvorsitzender der Software AG)
  • Dr. Susanne Nordhofen (Schulleiterin der Bischof Neumann Schule in Königstein)
  • Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese (Direktorin des Senckenberg Biodiversität und Klimaforschungszentrums)

Gemäß der Tradition der inzwischen 10 Jahre alten Veranstaltungsreihe führten Prof. Dr. Volker Mosbrugger, Generaldirektor von Senckenberg, und Carsten Kratz, Senior Partner & Managing Director Germany & Austria von BCG, in das Thema ein. Carsten Kratz veranschaulichte anhand von Beispielen aus der Wirtschaft die positiven Auswirkungen von Innovationen auf die Gesellschaft in der Vergangenheit und konnte damit deutlich machen, dass technischer Fortschritt per se kein Grund zu Besorgnis sein muss. Eine Online-Umfrage unter den Eingeladenen des Abends im Vorfeld der Veranstaltung hatte nämlich gezeigt, dass 92 Prozent der Befragten eine zunehmende Beschleunigung in der Welt wahrzunehmen glauben und nur 12 Prozent davon diese Entwicklung positiv einschätzen. Dass die Auswirkungen von Digitalisierung auf gesellschaftliche Werte ein normaler Prozess ist, das konnte Volker Mosbrugger daraufhin darlegen, da Werte sich permanent anpassen müssen, damit wir in der Welt zurechtkommen können. Wobei er aber auch klarstellte, dass Werte beziehungsweise Ethik selbstverständlich nicht auf der Strecke blieben, sondern sich immer zum Guten für den Menschen kehren würden.

Pro Diversity 2017. Frankfurt am Main, 04.05.2017. Foto: Andreas Reeg, Tel: +40-171-5449247, andreas.reeg@t-online.de, www.andreasreeg.de

Aber worin bestehen nun die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Gesellschaft? Wie kann man die Zukunft gestalten, wie verändern sich die Werte, in welcher Welt können wir zukünftig leben?

Dass die Auswirkungen des technischen Fortschritts, wie er im Silicon Valley vorangetrieben wird, dermaßen allumfassend ist, habe Claus Kleber während der Arbeiten zu seiner Dokumentation überwältigt. Alltagsbewältigung, Meinungsbildung, Erkenntnisprozesse, Wahl unserer Führungspersönlichkeiten… einfach alles, was Menschensein bedeutet, sei davon berührt. Der Dynamik, mit der die innovativen Entwicklungen in San Francisco vorangetrieben würden, könne man sich selbst als kritischer Journalist nicht entziehen, so ansteckend sei dort der Geist des Fortschritts. Die Zeiten, in denen man sich öffentlich ausdrücklich der digitalisierten Technik verweigern könne, wären vorbei. Um mithalten zu können, müsse man den Kurs mitmachen, denn nicht ob, sondern wie man mitmacht sei hier die Frage, worin er im Konsens mit dem gesamten Podium war.

Fortschritt sah auch Karl-Heinz Streibich als intrinsisch und somit als einen natürlicher Begleiter des Menschen. Nur wie wir die Technik anbringen, liege an uns, es richtig zu machen.

Die Technik zu verteufeln, dagegen verwehrte sich auch Dr. Susanne Nordhofen. Man müsse sie aber wertorientiert nutzen. Werteorientierung, insbesondere die Menschenwürde betreffend, sei in Zeiten von Social Media wichtig zu vermitteln, worin Nordhofen eine wesentliche Aufgabe von Schule und Elternhaus sehe, um bei den Enthemmungen im Netz die Menschenwürde aufrechterhalten zu können. Wogegen Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese anmerkte, dass junge Wissenschaftler, wie sie sie an der Universität erlebe, durchaus werteorientiert seien, was sicherlich größtenteils der guten Arbeit der Schulen zu verdanken sei.

Dass der Mensch die Welt eher pessimistisch betrachte und daher auch die Auswirkungen von technischem Fortschritt und damit verbundenen Veränderungen oftmals mit Vorbehalten begegne, konnte Werner Tiki Küstenmacher anhand eines kleinen Fragespiels belegen. Diese Eigenheit des Menschen habe er LIMBI, dem limbischen System, unserem emotionalen Gehirn, zu verdanken. Daher käme auch die Tendenz, sich dem Fortschritt zu verweigern beziehungsweise ihm mit Angst zu begegnen. Sich entgegen seinem LIMBI zu verhalten wäre in der Regel erfolglos. Worauf Nordhofen entgegnete, dass sie es durchaus für gegeben halte, sich im Leben ab und zu gegen seinen LIMBI durchsetzen zu müssen.

Dass technischer Fortschritt unaufhaltbar und im Sinne des Menschen ist, darin waren sich an dem Abend alle einig. Aber dass dabei Werte heute wichtiger denn je sind, darin stimmten auch alle, gerade angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten, ob in der Medizin, der Kommunikationstechniken oder in Produktionsprozessen, überein. Wichtig ist, die Jugend mit dem nötigen Wissen auszustatten. Spätestens an dieser Stelle spielt Schule eine zentrale Rolle. Dass dies Lehrerinnen und Lehrern auch in Zukunft gut gelingen kann, daran bestand kein Zweifel, wobei mehr Freiraum gemäß der Google-Philosophie für die Lehrkraft über das eigentliche Unterrichtspensum hinaus hilfreich wäre.

Pro Diversity 2017. Frankfurt am Main, 04.05.2017. Foto: Andreas Reeg, Tel: +40-171-5449247, andreas.reeg@t-online.de, www.andreasreeg.de

(v.l.n.r.: W. T. Küstenmacher, Prof. Dr. K. Böhning-Gaese, M. J. Hartung, K.-H. Streibich, Dr. S. Nordhofen, D. C. Kleber)

Die Veranstaltungsreihe Pro Diversity feiert in diesem Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum. Zusammenhänge erleben – unter dieser Devise führt die Heraeus Bildungsstiftung seit 2008 zusammen mit ihren Partnern BCG – The Boston Consulting Group und Senckenberg die jährliche Podiumsdiskussion im Senckenberg Naturmuseum durch und greift dabei mit namhaften Teilnehmern aktuelle Fragen zu interessanten gesellschaftlichen Themen auf. Pro Diversity bringt Lehrer, die Zielgruppe der Heraeus Bildungsstiftung, mit Menschen unterschiedlicher Berufs- und Altersgruppen ins Gespräch, um einen konstruktiven Austausch in der Gesellschaft zwischen Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu fördern.

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