„Nach dem ersten Tag dachte ich, ich schaffe das nie.“

Die Journalistin Petra Boberg testete den Quereinstieg in Schule

Der Lehrermangel ist da, vor allem an hessischen Grundschulen. Immer öfter werden Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger als „Gegenmittel“ eingesetzt – aber mit welchen Folgen?  Die Journalistin Petra Boberg startete einen Selbstversuch und unterrichtete als Quereinsteigerin mehrere Wochen an einer Grundschule in Wiesbaden. Die Reportage „Ungenügend – Wie der Lehrermangel unsere Grundschüler abhängt“ (Montag, 11. November 2019, 22.45 Uhr, Das Erste) begleitet sie bei der Herausforderung und lässt auch andere Schul-Quereinsteigerinnen und -Quereinsteiger zu Wort kommen. Die Ergebnisse der Recherche finden Sie auch im Dossier des Hessischen Rundfunks unter  www.hrinforadio.de.

Wir trafen Petra Boberg und fragten nach:

Wie entstand die Idee zum Selbstversuch „Quereinstieg in Schule“?

„Bildung ist mein Schwerpunktthema als Journalistin und wir wollten schon lange zum Thema „Lehrermangel“ recherchieren. Parallel verschärfte sich die Situation, vor allem in den Grundschulen. Dort ist der Lehrermangel am stärksten spürbar und gerade in sogenannten Brennpunktschulen werden Quereinsteiger eingesetzt. Sie filmisch zu begleiten war aus verschiedenen Gründen nicht möglich und dann entstand die Idee: Ich gehe in die Schule! Ich habe Germanistik studiert, bin beim Hessischen Rundfunk in der Aus- und Weiterbildung eingesetzt, ich kenne mich mit Methoden und Lernzielen aus. Ich bin qualifiziert.“

Von der Idee in die Klasse – wie lief das ab?

„Wir haben keine Undercover-Recherche gemacht, sondern das Kultusministerium einbezogen. Der Bewerbungsprozess verlief dann ganz regulär bis hin zum Vorstellungsgespräch mit der Direktorin. Hätte sie mich nicht für geeignet gehalten, hätte ich nicht unterrichten können. Sie hat mir jedoch den Zuschlag gegeben – und ich war von heute auf morgen Lehrerin. Das heißt: Ich habe unterrichtet, ohne zu wissen wie es geht. Ohne ein Einführungsseminar. Ich hatte keinerlei pädagogisch-didaktische Unterstützung, angeboten durch das Schulamt oder die Hessische Lehrkräfteakademie. Das ging im Übrigen nicht nur mir so, sondern auch vielen anderen Quereinsteigern, mit denen ich nach meinem Selbstversuch gesprochen habe. Die Schulleiterin sagte zu mir: „Ich brauche Sie morgen bei uns an der Schule. Ich habe jetzt Not.“

Was waren die Herausforderungen im Klassenzimmer?

„Alles! Jeder denkt: Grundschule geht fachlich. Jeder war schließlich selbst in der Grundschule. Aber dann stand ich vor diesen Kindern und hatte zwar vorbereitete Lernziele, aber ich kannte keinen Namen, konnte nichts gut erklären oder herleiten und musste aber trotzdem gleich performen. Man muss super-professionell sein in einer ersten Klasse, von Anfang an. Meine vierte Klasse kannte die Abläufe, aber die Kleinen eben noch nicht oder noch nicht so gut – und ich ja auch nicht. Natürlich haben mir die Kolleginnen und Kollegen geholfen – aber jeder von ihnen hatte selbst sehr viel zu tun, die Herausforderungen an Schulen mit 95% Migrationshintergrund und 34 Nationalitäten sind vielschichtig. Grundschule bildet den Querschnitt der Gesellschaft ab, das heißt, man muss Alle abholen: von den schnellen Kindern bis hin zu solchen mit Förderbedarf. Lehrerinnen und Lehrer an einer Grundschule müssen erziehen, integrieren und inkludieren. Ich habe gemerkt, dass ich das nicht geschafft habe.“

Was hätten Sie an Unterstützung gebraucht?

„Ganz klar: Qualifizierungs-Seminare bevor man unterrichtet und dann während der ersten Zeit eine engmaschige Begleitung, wie das zum Beispiel in Berlin üblich ist. Dort müssen Quereinsteiger verpflichtend Seminare besuchen, bevor sie in den Schulen eingesetzt werden. Dann werden sie durch pensionierte Lehrer begleitet und gefeedbackt. Aber die Strukturen und Möglichkeiten sind für Quereinsteiger in Hessen undurchsichtig. Dabei sind die inhaltlichen und didaktischen Fragen, die alle Quereinsteiger haben, so präsent!“

Wie verändern Quereinsteiger*innen Schule aus Ihrer Sicht?

„Als Quereinsteiger kann man den Kindern natürlich andere Welten spiegeln, man bringt andere Ressourcen und Erfahrungen mit. Ich konnte zum Beispiel in der vierten Klasse auch journalistische Methoden einbringen – das hat mich gefreut. Diversität im Kollegium schadet einer Schule bestimmt nicht, aber man braucht einfach die methodische und didaktische Kompetenz als Grundlage. Erst dann kann daraus meiner Meinung nach die Schule, das Kollegium profitieren. Momentan geschieht eine Deprofessionalisierung des Berufs, dessen Folgen wir noch nicht abschätzen können. Das Phänomen ist zu jung, als dass es aussagekräftige Studien dazu gäbe. Aber was wir wissen ist: Je besser qualifiziert die Lehrkraft, desto nachhaltiger der Lernerfolg für die Kinder.“

Warum sollte man den Quereinstieg überhaupt wagen?

„Man ist ganz nah dran an den Kindern, das war eine wunderbare Erfahrung! Und es ist schön zu sehen, wie man die Kinder prägen und ihnen etwas mitgeben kann. Das ist wahnsinnig beglückend. Es ist ein schöner Beruf. Es ist nur sehr schade, dass die Bedingungen, das Image und die Bezahlung so schlecht sind.“

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