Nationaler Bildungsbericht
Warum Qualifizierung zur Entwicklungsfähigkeit von Schule beitragen muss
Wenn über die Herausforderungen im Bildungssystem gesprochen wird, steht häufig der Lehrkräftemangel im Mittelpunkt. Der Nationale Bildungsbericht 2026 lenkt den Blick auf eine weitere zentrale Frage: Wie können Lehrkräfte und Schulleitungen so qualifiziert werden, dass sie mit den wachsenden Anforderungen im Schulalltag erfolgreich umgehen können?
Denn die Aufgaben werden nicht weniger. Fachkräftemangel, zunehmende Heterogenität, Bildungsungleichheit, Digitalisierung und knappe Ressourcen prägen den Alltag vieler Schulen. Zugleich benennt der Bericht die Gewinnung, Bindung und Qualifizierung pädagogischer Fachkräfte ausdrücklich als zentrale Herausforderung des Bildungssystems.
Die Ergebnisse legen nahe: Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur, ob Lehrkräfte und Führungskräfte fortgebildet werden. Zunehmend kommt es darauf an, wie Qualifizierung zur Entwicklungsfähigkeit von Schulen und des Bildungssystems beiträgt.
Es geht nicht nur um mehr Personal
Der Bericht zeichnet ein differenziertes Bild. Während sich der Lehrkräftemangel im Primarbereich perspektivisch entspannen könnte, bleibt er insbesondere in der Sekundarstufe hoch. Gleichzeitig steigt der Anteil von Lehrkräften ohne klassische Lehramtsausbildung. Bundesweit verfügen inzwischen 12 Prozent der voll- und teilzeitbeschäftigten Lehrkräfte über keine anerkannte Lehramtsprüfung.
Diese Entwicklung erhöht den Bedarf an professioneller Begleitung und Qualifizierung. Zugleich verändern sich die Anforderungen an den Beruf. Individuelle Förderung, Ganztagsausbau, multiprofessionelle Zusammenarbeit und digitale Transformation gehören heute selbstverständlich zum Schulalltag.
Neue Aufgaben erfordern neue Kompetenzen
Besonders deutlich werden die Herausforderungen bei Digitalität und Künstlicher Intelligenz. Viele Lehrkräfte berichten von Fortbildungsbedarf, gleichzeitig liegt die Fortbildungsbeteiligung in Deutschland international unter dem Durchschnitt. Der Bericht macht deutlich: Es reicht nicht, digitale Infrastruktur bereitzustellen. Entscheidend ist, wie digitale Werkzeuge pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden.
Auch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen gewinnt an Bedeutung. An den meisten Schulen arbeiten inzwischen weitere pädagogische Fachkräfte. Viele Schulleitungen sehen die Koordination dieser Zusammenarbeit als wichtige Aufgabe, berichten jedoch gleichzeitig von fehlenden Kapazitäten dafür.
Hinzu kommt eine weitere Herausforderung: Bildungsungleichheiten entstehen nicht an einem einzelnen Punkt, sondern entlang der gesamten Bildungskette. Für Schulen bedeutet dies zusätzliche Anforderungen bei Förderung, Übergangsgestaltung und Zusammenarbeit mit Eltern, Kommunen und weiteren Partnern.
Was wir daraus schließen
Für die Heraeus Bildungsstiftung ergeben sich daraus mehrere Handlungsfelder. Wir sehen einen wachsenden Bedarf an Programmen für Schulleitungen und Führungsteams, die Priorisierung, Schulentwicklung und den Umgang mit komplexen Veränderungsprozessen verbinden. Ebenso leiten wir aus den Ergebnissen einen hohen Qualifizierungsbedarf zu Basiskompetenzen und Bildungsgerechtigkeit ab – insbesondere für Schulen in herausfordernden Lagen.
Der Bericht bestätigt uns darin, dass Digitalität und Künstliche Intelligenz nicht als reine Technikthemen verstanden werden sollten. Für Schulen geht es zunehmend darum, diese Entwicklungen pädagogisch sinnvoll zu nutzen und in Lernprozesse, Führung und Schulentwicklung zu integrieren.
Auch die zunehmende Bedeutung multiprofessioneller Teams spricht aus unserer Sicht für Angebote, die Zusammenarbeit, Rollenklärung und gemeinsame Verantwortung stärken. Die Ergebnisse legen zudem nahe, dass Qualifizierung künftig stärker als langfristiger Entwicklungsprozess gedacht werden sollte – mit Transfer, Begleitung, kollegialem Lernen und Evaluation statt ausschließlich punktueller Fortbildungsangebote.
Für Lehrkräfte geht es aus unserer Sicht vor allem um die Weiterentwicklung von Unterricht, Förderung und den professionellen Umgang mit Digitalität und Künstlicher Intelligenz. Für Schulleitungen wird es zunehmend wichtiger, Teams zu entwickeln, Prioritäten zu setzen und Schulentwicklung unter knappen Ressourcen zu gestalten.
Der Bildungsbericht beschreibt die Herausforderungen eines Bildungssystems im Wandel. Für uns lautet die zentrale Erkenntnis: Gute Schulen brauchen nicht nur ausreichend Personal. Sie brauchen Lehrkräfte und Schulleitungen, die die Kompetenzen entwickeln können, um mit den wachsenden Anforderungen erfolgreich umzugehen und Schule aktiv weiterzuentwickeln.
Über den Nationalen Bildungsbericht
„Bildung in Deutschland“ ist ein indikatorengestützter Bericht, der das deutsche Bildungswesen als Ganzes abbildet – von der frühen Bildung bis zur Weiterbildung im Erwachsenenalter. Der aktuelle Bericht legt den Fokus auf das Thema „Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft“.
Der nationale Bildungsbericht für Deutschland wird von einer unabhängigen Gruppe von Wissenschaftler:innen unter der Federführung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation erarbeitet.