Die Leistungen der 15-Jährigen in Deutschland liegen in den drei zentralen PISA-Bereichen ungefähr auf dem OECD-Durchschnitt. Gegenüber 2022 sind sie jedoch erneut gesunken: um sieben Punkte in den Naturwissenschaften, um 15 Punkte im Lesen und um elf Punkte in Mathematik. 

Noch alarmierender ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. In den Naturwissenschaften liegen sozial privilegierte Schüler:innen in Deutschland 125 Punkte vor sozial benachteiligten Jugendlichen. Im OECD-Durchschnitt beträgt dieser Abstand 85 Punkte. Der sozioökonomische Status erklärt hierzulande 19 Prozent der Leistungsunterschiede – gegenüber 11,6 Prozent im OECD-Durchschnitt. 

Diese Zahlen sind kein Urteil über einzelne Schüler:innen, Lehrkräfte oder Schulen. Sie verweisen auf die Bedingungen, unter denen junge Menschen lernen. Und sie zeigen uns, dass  Bildungsgerechtigkeit keine zusätzliche Aufgabe neben Unterricht und Schulentwicklung ist, sondern zum Maßstab unseres Handelns werden muss. 

Viele wirksame Ansätze sind bekannt. Es fehlt jedoch häufig an Verbindlichkeit, Prioritäten, verlässlichen Strukturen und der Kraft, Erkenntnisse gemeinsam und dauerhaft in veränderte Praxis zu übersetzen. 

Die entscheidende Frage lautet deshalb:  

Wie gestalten wir Schule und Unterricht so, dass die soziale Herkunft weniger stark über Zukunft entscheidet? 

Fünf Voraussetzungen für gerechteres und wirksameres Lernen

Gerechtere Bildung entsteht dort, wo die Akteure Verantwortung übernehmen und ihre Wirkung bewusst reflektieren. Lehrkräfte und Schulleitungen prägen jeden Tag, wie junge Menschen Lernen erleben, ob Sie sich Ihrer Potenziale bewusst sind und ob sie sich als wirksam erfahren. 

Persönlichkeitsentwicklung ist deshalb kein Zusatz zur professionellen Qualifizierung, sondern deren Voraussetzung. Wer sich selbst Ziele setzt, die eigene Haltung, das eigene Handeln und die eigenen Erwartungen reflektiert, kann Lernprozesse bewusster gestalten, klarer führen und angemessener auf unterschiedliche Bedürfnisse reagieren. 

Das betrifft auch die Selbststeuerung der Schüler:innen. Nach den PISA-Ergebnissen plant nur etwa ein Drittel der Jugendlichen häufig das eigene Vorgehen beim Lernen. Junge Menschen benötigen daher Lerngelegenheiten, in denen sie Ziele setzen, Entscheidungen treffen, Rückmeldungen nutzen und ihren Lernweg reflektieren können. 

Dabei darf Persönlichkeitsentwicklung strukturelle Benachteiligung nicht zur individuellen Verantwortung erklären. Sie beseitigt keine ungleichen Ausgangsbedingungen. Sie stärkt aber die Menschen, die diese Bedingungen verändern können. 

Bildungsgerechtigkeit darf nicht von der Lage der Schulen im Quartier, vom besonderen Engagement von Schulleitungen und einzelner Lehrkräfte abhängen. Damit gute Praxis nicht zufällig bleibt, braucht es strategische und lernwirksame Führung.   

Wirksame Schulleitung schafft Orientierung, verständigt sich mit der Schulgemeinschaft auf wenige gemeinsame Ziele und sorgt dafür, dass Verantwortung geteilt wird. Sie ermöglicht Zusammenarbeit und macht transparent, woran Fortschritt erkannt werden soll. 

Dazu gehört auch der Mut zur Deimplementierung. Schulen leiden häufig nicht an einem Mangel an Projekten, sondern an einer Überfülle gleichzeitig verfolgter Vorhaben. Jede neue Maßnahme bindet Zeit, Aufmerksamkeit und Kraft. Deshalb muss regelmäßig gefragt werden: Was trägt tatsächlich zu besserem Lernen und gerechteren Chancen bei? Was kann beendet werden? 

Führung bedeutet in diesem Sinne nicht, Veränderung von oben anzuordnen. Leadership entwickelt gemeinsame  Bilder für zukünftiges Lernen. Es gestaltet Lernen so, dass Verantwortungsübernahme ermöglicht wird und konsequent auf die vereinbarten Ziele einzahlt. 

Wer mehr Bildungsgerechtigkeit erreichen will, muss danach fragen, wie Schüler:innen Schule tatsächlich erleben. Fühlen sie sich gesehen? Werden ihre Perspektiven ernst genommen? Erfahren sie, dass sie dazugehören und etwas bewirken können? 

Tragfähige Beziehungen schaffen Vertrauen, Orientierung und psychologische Sicherheit. Sie ermöglichen ehrliches Feedback, aktive Beteiligung und die Bereitschaft, sich auf anspruchsvolle Lernprozesse einzulassen. Beziehung ist deshalb nicht nur eine Frage des Schulklimas, sondern eine Voraussetzung für fachliches und überfachliches Lernen. 

Die Stimmen der Schüler:innen liefern dabei unverzichtbare Hinweise auf die Wirkung von Schule. Junge Menschen dürfen nicht lediglich Adressat:innen von Schulentwicklung sein. Sie müssen an ihr beteiligt werden. 

Zugehörigkeit entsteht jedoch nicht in isolierten Kontexten und Maßnahmen. Sie zeigt sich im Unterricht, in der Feedbackkultur, in Entscheidungen und im täglichen Umgang miteinander. Damit ist sie eine gemeinsame Aufgabe der gesamten Schulgemeinschaft. 

Gerechtere Bildung verlangt langfristige und anspruchsvolle Entwicklungsprozesse. Diese können nur gelingen, wenn die beteiligten Menschen dauerhaft handlungsfähig bleiben. 

Die psychische und physische Gesundheit von Lehrkräften, Schulleitungen und Schüler:innen ist deshalb kein nachgeordnetes Thema. Sie hängt unmittelbar mit Führung, Arbeitsorganisation, Zusammenarbeit und Beteiligung zusammen. 

Verbindlich verlässliche Strukturen, klare Prioritäten und gesundheitsorientierte Führung reduzieren nicht nur Belastungen. Sie schaffen Freiräume für pädagogische Arbeit, stärken Beziehungen und erhöhen die Fähigkeit, auf unterschiedliche Lernbedürfnisse einzugehen. 

Wer Überforderung dauerhaft hinnimmt, gefährdet auch die Qualität von Lernen und Schulentwicklung. Wer Gesundheit fördert, stärkt die Voraussetzungen dafür, dass Menschen Verantwortung übernehmen und Veränderung gestalten können. 

PISA 2025 nimmt mit dem computergestützten Problemlösen auch die Fähigkeit in den Blick, in digitalen Umgebungen selbstständig zu lernen und komplexe Aufgaben zu bearbeiten. 

Digitale Werkzeuge und Künstliche Intelligenz können Lernwege öffnen, Rückmeldungen erleichtern und individuelle Unterstützung ermöglichen. Sie schaffen jedoch nicht automatisch besseren oder gerechteren Unterricht. 

Entscheidend ist nicht, ob Technologie eingesetzt wird, sondern welchem pädagogischen Zweck sie dient: Hilft sie Schüler:innen, Probleme zu lösen? Fördert sie kritisches Denken? Unterstützt sie Selbststeuerung und eigenständiges Urteilen? Ermöglicht sie Teilhabe – oder verstärkt sie bestehende Unterschiede? 

Die pädagogische Verantwortung bleibt bei den Menschen in Schule. Technologie kann gute Pädagogik unterstützen. Sie kann sie nicht ersetzen. 

Von den Ergebnissen zum gemeinsamen Handeln

Aus PISA dürfen nicht einfach neue Programme entstehen. Nötig sind vielmehr kohärente Entwicklungsprozesse. 

Schulen sollten gemeinsam klären, welche Herausforderungen für ihre Schüler:innen besonders relevant sind und welches Ziel sie mit Priorität verfolgen. Lernende, Lehrkräfte und Eltern müssen an dieser Verständigung beteiligt werden. Kollegien benötigen Zeit, um gemeinsam zu lernen, Erfahrungen auszuwerten und Unterricht weiterzuentwickeln. Bestehende Vorhaben sollten konsequent auf ihren tatsächlichen Beitrag zu besseren Lernbedingungen geprüft werden. 

Schulen können diese Aufgabe jedoch nicht allein bewältigen. Bildungsadministration und Schulträger müssen langfristige Entwicklung ermöglichen, statt immer neue, voneinander isolierte Maßnahmen zu initiieren. Dazu gehören verlässliche Ressourcen, größere Gestaltungsspielräume, zunehmend autonome Strukturen und Unterstützung, die sich an den konkreten Herausforderungen der einzelnen Schule orientiert. 

Die Heraeus Bildungsstiftung begleitet Schulen und Führungskräfte auf diesem Weg. Wir stärken Persönlichkeiten, fördern verbindungsstarke Führung, bündeln Wissen und machen Erfahrungen für andere nutzbar. Dabei geht es nicht um Patentrezepte. Es geht darum, gemeinsam zu lernen, Verantwortung zu übernehmen und aus Erkenntnissen wirksame Praxis werden zu lassen. 

PISA zeigt, wo die Herausforderungen liegen. Die Konsequenz daraus muss mehr sein als ein weiteres Programm. Gerechtere Bildung entsteht dort, wo Schulen klare Ziele verfolgen, Beziehungen stärken, Beteiligung ermöglichen und ihre Kräfte auf das konzentrieren, was für junge Menschen wirklich zählt.