Portraitfoto von Magnus Osterkamp
Magnus Osterkamp

Die eigentlichen Expert:innen für Unterricht sind die Kinder und Jugendlichen, sagt Magnus Osterkamp. Der Lehrer für Französisch und Religion aus Borken setzt auf Offenheit, Mitbestimmung und Beziehungsarbeit – und das kommt gut an. 2024 hat er den Deutschen Lehrkräftepreis in der Kategorie „Ausgezeichnete Lehrkräfte“ gewonnen“ – nominiert hatten ihn seine ehemaligen Schülerinnen und Schüler. 

Aus der Nominierung geht hervor, wie sehr Ihre ehemaligen Schüler:innen das gute persönliche Verhältnis zu Ihnen schätzten. Welche Rolle spielt Beziehungsarbeit im Schulalltag?

Magnus Osterkamp: „Ich glaube, die Beziehungsarbeit ist elementar für den Unterricht. Das wissen wir ja auch aus der Hattie-Studie: Wenn die Verbindung zwischen Lehrkräften und Schüler:innen stimmt, dann wird im Unterricht einfach noch mehr möglich. Ich unterrichte Französisch und evangelische Religion, und ich fühle mich immer geehrt, wenn bei mir freitags in der siebten und achten Stunde fast keiner fehlt. Dann weiß ich: Okay, ich mache hier nicht viel falsch.

Ich glaube, die Bindung entsteht auch dadurch, dass ich den Schülerinnen und Schülern klarmache: Natürlich habe ich einen Wissensvorsprung, aber ich bin nicht intelligenter als ihr. Ich bin erfahrener und habe studiert, aber das heißt nicht, dass eure Gedanken und Ideen nicht viel besser sein können als das, was ich antizipiert habe.

Ich glaube auch, dass das das einzig Sinnvolle ist. Ich arbeite im Moment an einem Gymnasium und an einer Gesamtschule. Am Gymnasium ist es oft so, wenn es mal nicht rund läuft, kann man einmal laut werden, und dann ist kurz Ruhe. An der Gesamtschule funktioniert das nicht. Da merken die 27 bis 30 Schüler:innen in der Klasse sofort: Stopp, zusammen sind wir stärker als die eine Person, die vorne steht. Dann bleibt gar nichts anderes übrig, als zu sagen: Ich bin nicht hier, um etwas durchzudrücken. Mir macht mein Job nur Spaß, wenn wir hier gemeinsam etwas lernen.“

Vor diesem Hintergrund, was heißt es für Sie, Lehrer zu sein?

„Lehrkraft zu sein heißt für mich auf jeden Fall, offen zu bleiben, Anregungen anzunehmen, Dinge auszuprobieren. Mein Motto im Moment ist: Fortschritt geht vor Perfektion. Und wenn ich dann etwas Neues austeste, fordere ich auch Feedback ein: „Kann ich das nächstes Jahr noch mal machen? Was würdet ihr anders machen?“ Darauf reagieren die Schülerinnen und Schüler immer ganz überrascht: „Das hat uns noch niemand gefragt.“ Und ich denke nur: Warum eigentlich nicht? Denn die Menschen, die vor mir sitzen, sind die eigentlichen Expertinnen und Experten für Unterricht. Niemand hat so viel Unterricht in der Woche wie sie.“

Hatten Sie als Schüler selbst Lehrkräfte, die Sie zu Ihrem Unterrichtsstil inspiriert haben?

„Ich hatte ganz viele tolle Lehrkräfte. Meine Klassenlehrerin Frau Heise war unglaublich straight und konsequent. Das hat nicht allen gefallen, aber ich habe das geliebt, weil ich immer wusste, woran ich bin. Meine Französischlehrerin hat mir zwar gesagt: „Magnus, wenn du wirklich Französischlehrer werden willst, musst du noch einiges tun.“ Aber sie hat mir gleichzeitig gezeigt: Wenn du an dich glaubst, schaffst du das. Mein Geschichtslehrer Herr Fricke war endlich mal jemand, der genauso stimmgewaltig war, wie ich und das ausgehalten hat. Und mein Religionslehrer hat mir gezeigt, dass in Reli alles zusammenkommen kann, wenn man sich traut, Dinge auszuprobieren.

Ich wollte zwar seit jeher meinen eigenen Unterrichtsstil entwickeln, aber diese Lehrkräfte haben mich motiviert, weil sie mit Freude in ihren Job gekommen sind und ihn sehr ernst genommen haben. Und ich hoffe, dass ich das auch wiedergeben kann.“

Als Lehrkraft finden Sie sich aber in einem bereits bestehenden System wieder: Wenn Sie das Schulsystem verändern könnten, wo würden Sie anfangen?

„Es gibt vier Dinge, die ich mir wünschen würde. Erstens: Für jede Jahrgangsstufe eine sozialarbeitende oder schulpsychologisch ausgebildete Person. Zweitens: viel mehr Aufklärung zu psychischer Gesundheit – für Schüler:innen genauso wie für Lehrkräfte. Drittens: mehr Mitbestimmungsrechte für Schüler:innen.

Und viertens würde ich mich stark dafür einsetzen, dass wir bei Klassenarbeiten nicht mehr jeden einzelnen Fehler korrigieren müssen. Ich würde sagen: Nach dem 30. Fehler ist Schluss. Wenn ich nach den ersten zwei Seiten schon bei 25 Fehlern bin, dann wird die Fehlerquote auf den restlichen Seiten ja nicht plötzlich besser. Trotzdem sitze ich da und muss alles anstreichen.

Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen war, aber ich selbst habe mir als Schüler meistens nur die ersten beiden Spalten angeschaut und dann auf die Note geguckt. Das hat nicht dazu geführt, dass ich dachte: „Oh, ich mache viele Zeichensetzungsfehler, daran sollte ich arbeiten.“ Ich würde deshalb gerne neue Wege ausprobieren – wieder mit dem Motto: Fortschritt ist wichtiger als Perfektion.“

Wie könnte denn eine Alternative aussehen?

„In Frankreich gibt es gerade spannende Ansätze. Dort probieren Lehrkräfte aus, Klassenarbeiten nicht mehr nur zu korrigieren und auszuteilen, sondern den Schülerinnen und Schülern jeweils ein kurzes Audiofeedback aufzunehmen.

Dann kann ich sagen: „Hör mal, Jeremy Pascal, deine Argumentation ist schlüssig, logisch und gut nachzuvollziehen, du machst nur wahnsinnig viele Zeichenfehler. Ich habe dir zwei Übungen rausgesucht, mit denen du noch einmal üben kannst.“ Dann muss ich nicht darauf hoffen, dass der Schüler oder die Schülerin das selbst merkt. Ich würde es sogar so einführen, dass die Schüler:innen ihre Note erst bekommen, wenn sie auf dieses Audiofeedback reagiert haben. Es geht letztlich darum, unkompliziert mit ihnen ins Gespräch zu kommen – nicht darüber, was falsch war, sondern darüber, was sie verbessern können.“

Das klingt so, als wäre dafür auch wieder die Beziehungsarbeit entscheidend, über die wir am Anfang gesprochen haben.

„Ja, total. Lehrkraft zu sein, ist ein wahnsinnig privilegierter Job. Ich bekomme das Wichtigste anvertraut, was es im Leben ganz vieler Menschen gibt. Und ich darf mit diesen Kindern Zeit verbringen. Ich darf sie begleiten und mit ihnen an ihrer Entwicklung arbeiten.

Das macht Spaß, ist aber auch jeden Tag anstrengend und herausfordernd. Deshalb werbe ich seit Jahren im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen dafür auf die eigene Gesundheit zu achten. Ich habe da auch noch nicht die richtige Balance gefunden, aber ich finde sehr sympathisch, was eine Mutter mal im Elterngespräch zu mir gesagt hat: „Im Flugzeug setzt man sich ja auch zuerst selbst die Sauerstoffmaske auf, bevor man seinen Kindern hilft.“

Deshalb brauchen wir auch Schutzräume für Lehrkräfte. Damit meine ich einerseits den simplen Fakt, dass wir Zeiten brauchen, in denen für alle klar vereinbart ist, dass wir nicht erreichbar sein müssen. Und andererseits meine ich mit diesen Schutzräumen, dass wir eine konstruktive Fehlerkultur untereinander brauchen, damit wir vor Kolleg:innen offen sagen können: „Ich habe die Unterrichtsstunde gerade komplett gegen die Wand gefahren“, denn das ist aus meiner Erfahrung ganz häufig der Auftakt für ein richtig gutes Gespräch, aus dem ich mit vielen neuen Ideen und neuer Motivation herausgehe.“

Sie selbst leisten auch mehr als „nur“ Ihren Unterricht – etwa mit Ihrer Diversitäts-AG. Warum ist Ihnen dieses Engagement wichtig?

„Weil es an vielen Schulen ein Missverständnis gibt. Viele Lehrkräfte denken: „Es ist 2026, ich habe kein Problem mit LSBTIQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Queers; Anm. d. Red.), also werden meine Schülerinnen und Schüler auch keins haben.“ Aber wenn man sich soziale Medien anschaut, merkt man schnell, wie stark queerfeindliche Strömungen dort vertreten sind.

Mit der Diversitäts-AG wollte ich einen Schutzraum schaffen und gemeinsam mit Schüler:innen überlegen, was es für Möglichkeiten gibt, an den eigenen Schulen dafür zu werben, mitgedacht zu werden.

Das Spannende ist: Die AGs sind gar nicht riesig. Am Gymnasium sind wir vielleicht 15 Leute, an der Gesamtschule sieben. Trotzdem haben sie große Auswirkungen auf die ganze Schule. Die Gemeinschaft wird sensibler dafür, Menschen, die queer sind, mitzudenken – das motiviert mich immer wieder.“

Magnus Osterkamp erhält den Deutschen Lehrkräftepreis 2024. Er hält die Urkunde hoch.
Deutscher Lehrkräftepreis: Magnus Osterkamp freut sich über die Auszeichnung mit dem Deutschen Lehrkräftepreis 2024. Im Hintergrund: Preisträger Oliver Ebbing.

Damit sind wir wieder bei ihrer Forderung, die mentale Gesundheit stärker in den Fokus zu rücken. Wenn ich Sie richtig verstehe, leisten Sie mit Ihrer Diversitäts-AG einen Beitrag dazu. Wie viel kann also eine einzelne Lehrkraft schon verändern? 

„Als einzelne Lehrkraft kann man alles verändern. Denn schon allein die Frage „Wie geht’s dir?“ kann den entscheidenden Unterschied machen.

Ich sehe die Schüler:innen mindestens zwei Stunden pro Woche. Da merke ich schnell, wenn sich etwas verändert. Und dann kann ich sagen: „Hey, ich habe dich am Anfang anders kennengelernt. Wie geht es dir?“ Ohne Vermutungen anzustellen, aber zu signalisieren: Ich bin da und ich habe keine Angst vor der Antwort. Oft kommt die auch erst später. Ich hatte zum Beispiel mal den Fall, dass mir eine Schülerin eine Woche später schrieb: „Ich ernähre mich nur noch von 800 Kalorien am Tag und komme da nicht mehr raus.“

Das Wichtige ist ja: Wir Erwachsenen haben in solchen Fällen ein Netzwerk; es gibt Beratungslehrkräfte, Klassenleitungen, den psychologischen Dienst – und vor allem Kolleginnen und Kollegen, die vielleicht noch mehr Erfahrung haben. Als Erwachsene können wir uns informieren und Unterstützung organisieren. Entscheidend ist daher, den Jugendlichen zu vermitteln: Du bist nicht allein. Das heißt, die Frage „Wie geht es dir?“ ist der Schlüssel zu sehr, sehr, sehr viel mehr Wohlbefinden.“

Zum Schluss noch einmal zurück zur Auszeichnung: Was bedeutet Ihnen dieses Feedback Ihrer ehemaligen Schüler:innen?

„Das bedeutet mir alles. Das Besondere an diesem Preis ist ja, dass er von Schüler:innen kommt, sie sind die wahren Expert:innen für Unterricht. Und sie sind auch der Grund, warum ich jeden Tag in die Schule gehe.“

Das Interview führte Anna Hückelheim von der Agentur für Bildungsjournalismus im Auftrag der Heraeus Bildungsstiftung. Zuerst erschienen auf news4teachers.