Warum Positive Psychologie Schule nachhaltig verändert

Positive Psychologie und das PERMA-Modell stehen für einen evidenzbasierten Kulturwandel in Schule: weg von Defizitlogik und reiner Ordnungsperspektive, hin zu Beziehung, Sinn, Stärkenorientierung und Selbstwirksamkeit.
Im Gespräch erläutern Programmleiterin Mandy Geisler und Trainer Sven von der Heyde, warum dieser Ansatz Schulen stärkt, wie er im Alltag wirkt – und warum er ein tragendes Fundament für nachhaltige Schulentwicklung ist.
Was verbindet ihr persönlich mit Positiver Psychologie – und warum ist sie für Schulen relevant?
Mandy Geisler:
Für mich bedeutet die Umsetzung der Erkenntnisse der Positive Psychologie einen echten Kulturwandel. Schule habe ich häufig als Ort von Leistungsdruck und Stress erlebt – Wohlbefinden spielte dabei oft nur eine Nebenrolle. Dabei ist genau das eine zentrale Voraussetzung für gutes Lernen: eine positive Kultur, in der Kinder und Jugendliche sich sicher fühlen und gern lernen.
Ein zweiter Punkt ist für mich der Blick auf Unterrichtsstörungen. Die Antwort darauf ist traditionell die Verstärkung von Ordnung, Routinen und Classroom-Management. Aus meiner Sicht liegt der entscheidende Hebel jedoch in der Prävention: in einer gemeinsam getragenen Basis aus Vertrauen, Beziehung und klaren Werten. Störungsfreien Unterricht wird es nie geben – aber in einer tragfähigen Gemeinschaft treten Störungen seltener auf oder sie werden anders wahrgenommen und konstruktiver bearbeitet.
Das Beachten von Elementen der positiven Psychologie setzt genau hier an: nicht bei einzelnen Methoden oder Maßnahmen, sondern bei der Kultur einer Schule – bei den Bedingungen, unter denen Lernen, Entwicklung und Gemeinschaft überhaupt möglich werden.
Sven von der Heyde:
Schon als Lehrkraft habe immer ich versucht, die Erkenntnisse der Positiven Psychologie für die Gestaltung des Lernens zu nutzen. Entscheidend war für mich dabei auch, dass es eine wissenschaftliche Grundlage für mein pädagogisches Handeln gibt: eine positive Atmosphäre schaffen, psychologische Sicherheit geben, Fehlerfreundlichkeit leben.
Das Schöne ist: Eine positive Schul- und Lernkultur lässt sich systematisch mit Kollegien entwickeln – und wird so das Fundament für erfolgreiche Schulentwicklung. Die Resonanz ist groß: bei Schulleitungen, Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern und auch bei Eltern.
Positive Psychologie ist kein pädagogischer Trend, sondern ein evidenzbasierter Ansatz, der Struktur und Sprache für Schulentwicklung liefert.
Was PERMA bedeutet – und warum es Führung in Schule betrifft
Die Positive Psychologie geht maßgeblich auf Martin Seligman zurück. Sein Ansatz ergänzt die klassische Psychologie um die Frage: Was brauchen Menschen, um sich zu entfalten – nicht nur, um weniger zu leiden?
Das PERMA-Modell beschreibt fünf Faktoren von Wohlbefinden:
- P – Positive Emotionen (z. B. Freude, Dankbarkeit, Stolz)
- E – Engagement (stärkenorientiertes Arbeiten)
- R – Relationships (tragfähige Beziehungen, psychologische Sicherheit)
- M – Meaning (Sinnorientierung)
- A – Accomplishment (Ziele erreichen, Erfolge sichtbar machen)
Mit PERMA-Lead übertrug Dr. Markus Ebner dieses Modell auf Führung. Für die Heraeus Bildungsstiftung meint Führung dabei nicht nur Schulleitung: Auch Lehrkräfte gestalten als Führungspersonen den Lernraum und die Beziehungskultur.
Wie lassen sich die fünf PERMA-Säulen auf Schule übertragen?
Sven von der Heyde:
PERMA ist kein abstraktes Modell, sondern ein Orientierungsrahmen für Führung, Lernen und Zusammenarbeit.
- Positive Emotionen lassen sich fördern – nicht nur durch Humor und „Witze erzählen“, sondern durch gezielte Fragen, Strukturen und die Gestaltung von Zusammenarbeit.
- Engagement entsteht, wenn der Blick auf Stärken statt Defizite gerichtet wird – auch bei Personaleinsatz und Schulentwicklung.
- Relationships brauchen Vertrauen und psychologische Sicherheit: Fehler dürfen sein, Lernen bleibt möglich.
- Meaning heißt, das „Warum“ von Schule und Unterricht immer wieder zu klären – gerade in unsicheren Zeiten.
- Accomplishment bedeutet, Fortschritte sichtbar zu machen – individuell und als Schulgemeinschaft. Das stärkt Selbstwirksamkeit.
Wie stärkt PERMA die Beziehungskultur an Schulen?
Sven von der Heyde:
Es gibt Hebel, die in vielen Schulen funktionieren. Damit entstehen Vertrauen, Selbstwirksamkeit und eine Kultur, in der Lernen möglich wird.
- Im Kollegium: durch kollegiale Beratung, Hospitation und offene Gespräche über Herausforderungen.
- Im Unterricht: durch projektorientiertes und fächerübergreifendes Arbeiten und offene Lernformen, die Beziehung ermöglichen.
- In der Schulentwicklung: durch das bewusste Sichtbarmachen von Fortschritten und gemeinsam Erreichtem.
Wie reagieren die Teilnehmenden in den Seminaren darauf?
Sven von der Heyde:
Die Resonanz ist sehr positiv, weil die meisten Teilnehmenden eine ausgeprägte wertschätzende Grundhaltung mitbringen. Das PERMA-Lead-Modell gibt ihnen dann ein Framework, mit dem sie systematisch eine positive Lernkultur fördern können. Wichtig ist gleichzeitig die Klarstellung: Positive Psychologie kommt nicht on top. Sie lässt sich mit dem verbinden, was ohnehin geschieht – und kann entlasten, Energie geben und Wirkung verstärken.
Die Stiftung setzt mit dem neuen Programm: next:schule – für verbindungsstarke Schulentwicklung auf eine längerfristige Prozessbegleitung. Welche Rolle spielt die Positive Psychologie dabei?
Mandy Geisler:
Positive Psychologie ist für mich nicht nur ein Baustein dieses Programms, sondern das Fundament. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Arbeit – auch in der Idee, Schulen zu vernetzen, damit sie gemeinsam wachsen.
Damit wird Positive Psychologie zum verbindenden Element zwischen Führung, Lernen und langfristiger Schulentwicklung.
Auf den Punkt: Warum brauchen Schulen mehr Positive Psychologie und PERMA?
Mandy Geisler:
Ich wünsche mir Schulen als „beste Lern- und Lebensorte“ für unsere Kinder und Jugendlichen: Orte, an denen alle, natürlich auch die Lehrkräfte, gerne morgens gehen, wo sie sich alle sicher fühlen, Gemeinschaft erleben, Fehler machen und lernen dürfen. Wenn Menschen gern in Schule gehen, ist die Verbindung zu Lernen und Leistung klar: Dann will man lernen und hat Freude am eigenen Wachstum.
Sven von der Heyde:
Wir wissen aus der Forschung, dass Positive Psychologie das Wohlbefinden aller Beteiligten steigern kann. Gerade weil psychische Belastungen hoch sind, gehört das zum Auftrag von Schule. Und: Es ist kein Widerspruch zu Leistung, sondern leistungsfreundlich – weil ein positives akademisches Selbstkonzept in Verbindung mit einem Growth Mindset lebenslanges Lernen unterstützen.