Schlagwort: Leadership

  • „Schule neu denken“: Was das Seminarformat für Schulleitungen so wirksam macht

    „Schule neu denken“: Was das Seminarformat für Schulleitungen so wirksam macht

    Andrea Seitz und Thorsten Klaus
    Andrea Seitz und Thorsten Klaus

    Thorsten Klaus: Ich bin noch ganz beseelt, wenn ich an die Gruppe denke und an die Themen, die die Teilnehmenden bewegen möchten und schon bewegen.
    Andrea und ich waren beeindruckt, wie Schulleitungen sich neben ihrem operativen Geschäft die notwendige Zeit freiräumen, um Transformationsprozesse wirksam zu gestalten.
    Und dass die Stiftung einen Alumnikreis aufbauen will – von Schulleitungen, die ihre Schulen weiterentwickeln –, das begeistert mich.

    Thorsten Klaus: Eine Sehnsucht, Schule besser zu machen. Und die Diagnose, dass Schulen ihr eigenes Potenzial, Schülerinnen und Schüler wirklich auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten, nicht wirklich nutzen. Schulen haben über Jahrzehnte eine starke „Beharrungskompetenz“ entwickelt – diese Schritt für Schritt aufzuweichen, das war das Einende.

    Thorsten Klaus: Eine große Stärke des Formats liegt in der Netzwerkbildung: zu sehen, wie andere Schulen etwas umsetzen oder gelöst haben, was für einen selbst noch ein dickes Fragezeichen ist. Diese kollegiale Unterstützung wurde durchweg als besonders hilfreich erlebt.
    Dazu kamen die Impulsgeber:innen von außen, wie zum Beispiel Micha Pallesche, Björn Nölte und Andrea Franke. Sie haben die Teilnehmenden herausgefordert, neu zu denken –ohne die Früchte zu hochzuhängen.
    Und: Die Module fügen sich zu einem sinnstiftenden roten Faden zusammen. Diese Rückmeldung hat Andrea und mich sehr gefreut. Unser „Plan“ scheint aufgegangen zu sein.
    Der Aufbau eines starken Netzwerks, die alltagsnahen Impulse und die Prozessbegleitung – das war wirksam.

    Thorsten Klaus: Andrea und ich hatten den Anspruch die Inhalte immer wieder auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden anzupassen. Wir waren in der Prozessbegleitung – mit hoher Zielorientierung und zugleich hoher Prozessorientierung.
    In den Online-Sessions gab es einen lebendigen Mix aus Impulsen von Gästen und Interaktionen: Breakouts, Reflexionen in Teams, Peer-Gruppen und Fallberatungen. Zugleich nehmen wir mit, dort noch mehr Raum für informelle Gespräche einzubauen – das ist machbar und sinnvoll.

    Thorsten Klaus: Schulleitungen, die wirklich etwas bewegen wollen! Schulleitungen, die im Idealfall mitten im Transformationsprozess sind oder bereit sind, ihn jetzt zu starten.
    Unsere wichtigste Empfehlung: Anmelden sollten sich idealerweise zwei, drei oder mehr Personen aus der Schulleitung. Die Erfahrung aus der ersten Runde zeigt: Die Schulleiter:innen, die als Teams teilgenommen haben, haben „Schule neu denken“ als besonders gewinnbringend erlebt.

    Thorsten Klaus: Ganz einfach: Die Teilnehmenden und ihre Fragen und Bedarfe stehen bei uns im Vordergrund. Bei „Schule neu denken“ gibt es, strenggenommen, keine Teilnehmenden – sondern nur Teilgebende.

    Thorsten Klaus: Auf den Balkon zu steigen, von oben auf die Tanzfläche des Schulalltags zu schauen und wirksame Interventionen zu gestalten – solche Balkonbesuche kommen im Schulmanagementalltag häufig zu kurz.
    Unsere Prozessbegleitungsreihe gibt Methoden, Raum und Zeit dafür. Der Mix aus Beratung, Training und Wissens- und Methodenimpulsen stärkt die professionelle Intuition der Schulleitungen für die Organisation und Führung wirksamer Transformationsprozesse.  Diese Mischung aus Professionalität und Gespür macht den Unterschied.

  • Kooperationsvereinbarung für Bildungscampus Leadership verlängert

    Kooperationsvereinbarung für Bildungscampus Leadership verlängert

    Gemeinsam für starke Schulleitungen in Sachsen-Anhalt
    Kooperationsvereinbarung für Bildungscampus Leadership verlängert

    Der Bildungscampus Leadership wird 2026 fortgesetzt. Mit der Verlängerung der Kooperationsvereinbarung für das Jahr 2026 bleibt das Programm eine verlässliche Grundlage für die moderne und praxisnahe Qualifizierung schulischer Führungskräfte.

    Am 2. Dezember 2025 unterzeichneten das Ministerium für Bildung, das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) und die Heraeus Bildungsstiftung in Halberstadt die Fortsetzung der Zusammenarbeit.

    Thomas Schödel, Jürgen Böhm und Martin Fugmann unterzeichnen die Vertragsverlängerung des Bildungscampus Leadership
    Thomas Schödel, Jürgen Böhm und Martin Fugmann (v. l.) unterzeichnen die Vertragsverlängerung.

    Damit können Schulleitungen in Sachsen-Anhalt auch 2026 auf ein wirksames, zukunftsorientiertes Qualifizierungsangebot bauen.

    Wir freuen uns, die erfolgreiche Zusammenarbeit weiterzuführen und damit die Schulleitungen in Sachsen-Anhalt zu stärken. Schulen brauchen eine Führungskräfte, die kooperativ handeln, reflektiert entscheiden und lernbereit bleiben. Der ‚Bildungscampus Leadership Sachsen-Anhalt‘ hat sich als wirksames Format etabliert – mit der Verlängerung gehen wir diesen gemeinsamen Weg konsequent weiter.

    Martin Fugmann, geschäftsführender Vorstand

    Der Bildungscampus setzt weiterhin auf unsere Expertise in der Führungskräfteentwicklung sowie auf qualifizierte Trainer:innen aus unserem Team; zusammen mit dem LISA bringen wir zudem konzeptionelle Erfahrung und starke Netzwerke ein.

    Gemeinsam senden wir ein deutliches Signal für die Zukunftsfähigkeit der Schulen in Sachsen-Anhalt.

  • Gestalten statt verwalten: Warum Leadership in Schule jetzt entscheidend ist 

    Gestalten statt verwalten: Warum Leadership in Schule jetzt entscheidend ist 

    Gestalten statt verwalten
    Warum Leadership in Schule jetzt entscheidend ist 

    Von Martin Fugmann (erschienen in didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen 4/2025)

    Eine Welle von Veränderungen trifft die Schulen: Künstliche Intelligenz, neue Lernformen, gesellschaftliche Krisen, Digitalität. Wer Schule „managt“, wird von dieser Transformationswelle überrollt. Wer Leadership zeigt, surft sie – und verwandelt Unsicherheit in Gestaltungskraft. 

    Schulleitungen machen den Unterschied. Sie geben Richtung, wenn Gewissheiten fehlen, öffnen Räume für Innovation und schaffen Vertrauen. Leadership heißt: Menschen beteiligen, stärken und Orientierung geben. Systemisch denken, wertebasiert handeln, proaktiv agieren und empathisch führen. 

    Schule als vernetztes System 

    Veränderung in Schulen betrifft immer das Gesamtsystem. Wer digitale Portfolios einführt, verändert den Unterricht. Wer dafür Zeiträume schafft, greift in Organisation ein. Wer Lehrkräfte qualifiziert, betreibt Personalentwicklung. Schulleitungen müssen diese Ebenen miteinander verbinden und antizipieren, wie Entscheidungen auf Lernprozesse, Strukturen und Menschen wirken. 

    Führung gelingt nie allein, sondern in geteilter Verantwortung. Agile Entwicklungsteams, Steuergruppen und professionelle Lerngemeinschaften übernehmen dabei eine Schlüsselrolle. Sie bereiten Veränderungen vor, koordinieren sie, involvieren das Kollegium und sichern nachhaltige Entwicklungszyklen. Am wirksamsten ist Leadership, wenn es gelingt, Lehrkräfte für Selbstführung zu sensibilisieren – wenn sie Verantwortung übernehmen, kollegial beraten, Ergebnisse sichtbar machen und Feedback- sowie Fehlerkultur leben. Schulleitungen schaffen dafür mit Ihren Kollegien den Rahmen: klare Ziele, Zeitfenster und Vertrauen. 

    Werte geben Richtung 

    Schulen brauchen eine klare Werteorientierung. In der Kultur der Digitalität bedeutet das: den Einsatz digitaler Mittel an Schulentwicklungszielen auszurichten – etwa auf Beziehungsarbeit, Chancengerechtigkeit, Demokratiebildung, Potenzialentfaltung und Persönlichkeitsentwicklung. Wenn Schüler:innen in Steuergruppen über Tools oder Lernwege mitentscheiden, geschieht das auf der Basis von Partizipation und Vertrauen. So werden Werte zum Kompass jeder Entscheidung. 

    Entscheidend ist, dass Lernen in der digitalen Transformation nicht an Anwendungskompetenz allein gemessen wird. Schulen brauchen Räume des Wohlbefindens:Lehrkräfte und Schüler:innen brauchen psychologische Sicherheit, um Neues zu wagen. Eine bewusste Beziehungskultur – mit Feedbackrunden, Supervision oder inspirierende Lernräumen – schafft die Grundlage dafür, dass Innovation nicht Angst erzeugt, sondern Motivation. 

    Handeln in Unsicherheit 

    Besonders sichtbar wird Leadership in Zeiten der Unklarheit. Die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) konfrontiert Schulen mit neuen Fragen: Wie verändern sich Lernen und Prüfungen? Welche Kompetenzen werden künftig entscheidend sein? Schulleitungen müssen diese Themen proaktiv aufgreifen – und zugleich empathisch mit den Sorgen im Kollegium umgehen. 

    Ein Beispiel: Am Evangelisch Stiftischen Gymnasium (ESG) in Gütersloh, meiner Schule mit mehr als 1.100 Schülerinnen und Schülern, begann dieser Prozess bereits 2020. Zunächst entlasteten KI-Systeme bei Korrekturen, später wurden sie in Fachunterricht und Methodik integriert. Sprachmodelle erweiterten den Horizont, datenschutzkonforme Lösungen wurden in Zusammenarbeit mit EdTech-Partnern getestet. KI wurde Bestandteil von Facharbeiten – und damit Gegenstand kritischer Reflexion. Die Fachhochschule Gütersloh erforschte Nutzung, Haltung und Akzeptanz. Entscheidend war der kontinuierliche Dialog mit Kollegium, Schüler- und Elternschaft – und die Förderung engagierter Pionierinnen und Pionieren im Kollegium. Im Sinne der Chancengerechtigkeit stellte die Schule allen Schülerinnen und Schülern gleiche Zugänge zu Tools bereit. 

    Forschung bestätigt, wie entscheidend  Haltung von Leadership bei der Implementierung innovativer Technologie ist: Laut einer Studie von Markus Pietsch und Dana-Kristin Mah lassen sich rund 30 Prozent der Unterschiede bei der Implementierung von KI an Schulen auf das Digital Mindset der Schulleitung zurückführen. Besonders wirksam: Proaktivität – Chancen frühzeitig erkennen – und  Empathie – Sorgen ernst nehmen. Ob KI zur Belastung oder zum Katalysator für Lernen wird, entscheidet sich auch an der Art, wie Schulleitung führt. (Pietsch, Mah: Leading the AI transformation in schools: it starts with a digital mindset, 2024) 

    Ambidextrous Leadership – Führung zwischen Experiment und Struktur 

    Führung in Zeiten der Unsicherheit bedeutet, Gegensätze auszuhalten. Schulleitungen müssen Räume für Experimente öffnen – und zugleich Strukturen sichern, die Orientierung und Qualität bieten. Nur wenn beides gelingt, wird Digitalisierung zu einem nachhaltigen Bestandteil der Lernkultur. 

    Auch der Umgang mit Daten ist ein wichtiger Hebel: Digitale Systeme können Lernprozesse sichtbar machen – nicht zur Kontrolle, sondern zur Reflexion und Weiterentwicklung. So werden Daten zu einem Spiegel für Schulqualität. 

    Haltung zeigen 

    Leadership zeigt sich nicht nur in Strategien, sondern in der inneren Arbeit der Führung: Welche Werte leiten mich? Wie gehe ich mit Widersprüchen um? Wie handle ich in Konflikten? Transformationale Führung nach Michael Schratz bedeutet, Routinen loszulassen, um Raum für Neues zu schaffen. (Schratz: Entwicklung von Schule und Unterricht braucht transformationale Führung – und wie!?, 2025) 

    Am ESG setzen wir auf beziehungsstiftende, teamorientierte Prozesse, die auch die emotionale Ebene bewusst einbeziehen – etwa durch künstlerische Formate, Improvisationstheater oder Methoden aus dem Psychodrama. Sie fördern Selbstreflexion und gemeinsame Willensbildung. Entscheidungen werden zunehmend im Konsens getroffen, auf Basis tragfähiger Beziehungen und Vertrauen. Das erfordert Mut zum Kontrollverlust – und schafft Vertrauen im gesamten Kollegium. 

    Wenn Leadership wirkt 

    Selbstverantwortung, Lernbereitschaft und Neugierde zu fördern – das ist das Ziel vieler Schulen. Doch wirklich transformative Praktiken wie veränderte Zeitstrukturen, interdisziplinäre Lernformate oder kompetenzorientierte Unterrichtssettings stoßen oft an Systemgrenzen. Am ESG haben wir  Lernreisen, Hospitationen und Netzwerkbildung genutzt, um neue Perspektiven zu öffnen. Daraus entstanden Prototypen wie gemeinsame Startphasen vor Unterrichtsbeginn, fächerübergreifende Projekte bis in die Oberstufe, nicht benotete Feedbackgespräche und die Entwicklung einer Maker-Kultur. 

    Professionelle Coaches, Trainer:innen und Künstler:innen begleiteten die Prozesse. Die Schulleitung übernahm Moderation, Kommunikation und die Akquise finanzieller Ressourcen. Entscheidend jedoch blieb: Begeisterung und Engagement vorzuleben. 

    Vernetzt denken – gemeinsam handeln 

    Leadership endet nicht an der Schultür. Transformation gelingt schneller, wenn Schulen sich vernetzen – mit Nachbarschulen, Hochschulen, Unternehmen oder Trägern. Schulleitungen öffnen ihre Schule für Kooperationen und sorgen zugleich für klare Absprachen, damit Projekte Wirkung entfalten. So wird Leadership zur regionalen Aufgabe mit Strahlkraft über die einzelne Schule hinaus. 

    Junge Menschen stärken 

    Am Ende steht der Kern schulischer Arbeit: junge Menschen zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen und Selbstwirksamkeit zu erleben. Gestaltende Führung bedeutet, Mut zu machen – Neues zu ermöglichen, ohne die Orientierung zu verlieren. 

    So entstehen Schulen, in denen gilt: „Meine Stimme zählt. Ich kann Verantwortung übernehmen. Ich kann etwas bewirken.“ Leadership schafft die Voraussetzung dafür. 

  • Zwischenbericht der Studie „Schulleitung voraus“

    Zwischenbericht der Studie „Schulleitung voraus“

  • Sachsen-Anhalt investiert in starke Schulleitungen

    Sachsen-Anhalt investiert in starke Schulleitungen

  • Micha Pallesche: „Wir können gar nicht anders, als junge Menschen ernst zu nehmen“

    Micha Pallesche: „Wir können gar nicht anders, als junge Menschen ernst zu nehmen“

    Micha Pallesche
    @ privat

    Micha Pallesche leitet die Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe, die mit innovativen Konzepten eine Vorreiterrolle einnimmt. 2017 erhielt sie die Auszeichnung als erste Smart School Baden-Württembergs, die mit einem Makerspace, einem InnovationLab und mit Design Thinking neue Wege des Lernens ging. Es folgten weitere Preise, beispielsweise für Medienbildungs- und Demokratieprojekte. 2021 erhielten Micha Pallesche und sein Stellvertreter Dominik König-Kurowski den Deutschen Lehrkräftepreis als ausgezeichnete Schulleitung.   

    Wir wollten wissen: Wie machen Sie das, Micha Pallesche? Was treibt sie an?  

    Micha Pallesche: „Unser Antrieb sind die Schülerinnen und Schüler. Schule hat die Aufgabe, sie auf die Welt vorzubereiten, die nach der Schulzeit auf sie wartet. Wir wollen, dass sie nicht nur abwartend zusehen, sondern aktiv die Welt mitgestalten. Da sich die Welt ständig wandelt, muss sich auch die Schule kontinuierlich weiterentwickeln.“  

    Wie beginnt ein solcher Prozess der Schulentwicklung?  

    „Das beginnt mit einer grundlegenden Haltung und einem klaren Rollenverständnis: Was ist meine Rolle als Lehrkraft? Was ist meine Rolle als Schulleitung? Man muss bereit sein, Verantwortung zu teilen und Partizipation zuzulassen. Und wenn wir Partizipation ernst meinen, müssen alle relevanten Gruppen eine Stimme haben: Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte und das gesamte Schulpersonal. Externe Partnerinnen und Partner aus dem Quartier sind ebenso unverzichtbar.“  

    Wie beziehen Sie Schülerinnen und Schüler konkret ein?   

    „Wir haben sie beispielsweise in Lehrerkonferenzen einbezogen, die wir gemeinsam im Fishbowl-Format durchgeführt haben. In diesen Runden erzählten uns unsere Schülerinnen und Schüler, was sie brauchen, um gut lernen zu können. Das waren ganz wertvolle Beiträge. Als Pädagoginnen und Pädagogen können wir gar nicht anders, als junge Menschen ernst zu nehmen.“  

    Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wo eine Idee von den Schülerinnen und Schülern umgesetzt wurde?  

    „Da gibt es einige Beispiele. Eines der jüngsten betrifft unsere Hausmeisterwohnung. Nach dem Ruhestand unseres Hausmeisters stand die Wohnung leer. Wir haben einen „Roten Salon“ organisiert, bei dem die Schülerinnen und Schüler vorschlagen konnten, wie die Wohnung genutzt werden könnte. Eine Idee fanden wir besonders spannend: die Wohnung als „Probewohnung“ zu nutzen. Schülergruppen wollen dort für eine Woche wohnen, sich selbst versorgen und eigenverantwortlich leben. Diese Idee hat uns so überzeugt, dass wir sie nun umsetzen – auch wenn sie Chaos verspricht und natürlich begleitet werden muss.“  

    Als sie 2015 Schulleiter wurden, hatten sie da schon ein klares Bild vor Augen, wohin die Reise gehen soll?  

    „Nein, tatsächlich nicht. Als ich 2015 als Schulleiter anfing, war schnell klar, dass wir unsere Ideen für die Schule nicht ohne die gesamte Schulfamilie umsetzen können. Meinem Team und mir war auch schon damals bewusst, dass wir externe Kooperationspartner brauchen würden. Die Idee, Schule zu öffnen, Ressourcen aus dem Quartier zu nutzen und externe Expertinnen und Experten einzuladen, gab es von Anfang an. So ist beispielsweise das Projektfach „Leben“ entstanden, bei dem Schülerinnen und Schüler der 7. Klassen eineinhalb Stunden in der Woche im Quartier außerschulische Verantwortungsjobs übernehmen und daran wachsen – im Altersheim, im Kindergarten oder im Gnadenhof für Tiere.“  

    Wie schaffen Sie es, im Kollegium einen Sog zu erzeugen, sodass möglichst viele sich mit Begeisterung einbringen?  

    „Für mich sind es drei zentrale Faktoren: Erstens die Partizipation erhöhen. Entscheidungen sollten nicht nur in der Schulleitung oder im Schulentwicklungsteam getroffen werden. Dafür braucht es Räume und Formate wie den „Roten Salon“. Zweitens die aktive Einbindung der Schülerinnen und Schüler. Bei allen Schulentwicklungsprozessen haben wir immer Schülerinnen und Schüler dabei. Drittens die Öffnung der Schule nach außen, um reale Erfahrungen und Sinnhaftigkeit zu schaffen. Die Schule darf kein abgeschlossenes System bleiben, um sich nicht immer weiter von der Realität zu entfernen. Auch Sinn erkennen junge Menschen vor allem dann, wenn sie sich mit realen Problemen auseinandersetzen und Selbstwirksamkeit erfahren. Deshalb muss sich Schule öffnen.“  

    Woher erhalten Sie die größte Unterstützung?  

    „Als Schulleiter erhalte ich die größte Unterstützung von der Schulfamilie: vom Kollegium, von den Schülerinnen und Schülern und von den Eltern. Auf systemischer Ebene unterstützt uns auch die Schulaufsicht, indem sie uns Gestaltungsspielräume lässt. Zudem gibt es externe Kooperationspartnerinnen und -partner, die uns mit ihrer Expertise helfen. Für das Projektfach „Leben“ arbeiten wir beispielsweise mit 70 Personen und Organisationen zusammen.“  

    Und welche Rolle spielt die Persönlichkeit der Schulleitung bei solchen Prozessen?  

    „Die Schulleitung ist für mich der Schlüssel in jedem Transformationsprozess. Ich sehe unsere Rolle darin, Visionen und Ideen zuzulassen, Verantwortung zu teilen und die Kompetenzen des Teams zu fördern. Das heißt auch, dass ich den Menschen vertraue, die Schule mitgestalten, und ich muss auch damit leben können, wenn Dinge entstehen, die nicht vollständig meinen Vorstellungen entsprechen. Das erfordert ein ganz anderes Rollenverständnis von Schulleitung.“