„Vertrauen ist eine zentrale Gelingensbedingung für Erfolg an der Schule“

Artikel

„Vertrauen ist eine zentrale Gelingensbedingung für Erfolg an der Schule“

Sven von der Heyde ist Leiter der Programmentwicklung der Heraeus Bildungsstiftung – und außerdem ehemaliger Gymnasiallehrer, Autor, Leadership-Coach und Musiker. Er lebt in Lübeck. Wir sprachen mit ihm über die Bedeutung einer guten Beziehungskultur an Schulen und darüber, warum Vertrauen so wichtig ist. Sven setzt mit der Heraeus Bildungsstiftung das neue Programm „Verbindungsstark – Gemeinsam Schule gestalten“ um.

Warum lernen Schüler*innen besser, wenn die Beziehung zur Lehrkraft stimmt? Warum arbeite ich effektiver, wenn ich mich mit den Beziehungen im Team wohlfühle?

„Stimmt die Beziehungsebene, dann können wir uns viel besser auf das Lernen oder Arbeiten konzentrieren. Wenn ich aber merke, dass es ungelöste Konflikte oder Spannungen gibt, dann kann ich mich gar nicht so richtig auf den Lernstoff oder meine Aufgabe fokussieren. Es gibt mittlerweile viele Studien dazu, dass sich eine positive Beziehungskultur an einer Schule förderlich auswirkt – auf das Lernen der Schüler*innen, aber auch auf ihre Gesundheit und die der Lehrkräfte. Die meisten Lehrkräfte kennen die Hattie-Studie, aber auch die Aldrup-Studie ist interessant. Die mentale Gesundheit beeinflusst die Lernmotivation und den Lernerfolg. Wenn ich als Schüler*in in die Schule gehe und weiß, die Beziehung zu meiner Lehrkraft stimmt, er oder sie nimmt mich als ganze Person wahr, sowohl mit meinen positiven Gefühlen als auch mit meinen Sorgen, dann fühle ich mich gut aufgehoben und bin insgesamt motivierter. Außerdem führen positive Emotionen dazu, dass ich kreativer bin und einen offeneren Fokus habe. Wenn unangenehme Emotionen überwiegen, bin ich nicht so gut in der Lage, Aufgaben zu lösen.“

Hat das auch etwas mit Vertrauen zu tun? Wenn ich keine Angst vor Fehlern habe, komme ich in der Problemlösung vielleicht auch weiter.

„Auf jeden Fall! Wenn ich Angst vor Sanktionen habe, falls ich einen Fehler mache, kann es zwar trotzdem sein, dass ich auf dem Papier einen guten Lernerfolg erziele – aber das ist dann eben mit Angst verbunden. Ich bin dann nicht intrinsisch motiviert, etwas zu tun, verliere die Freude daran und es kann sogar sein, dass ich als Schüler*in die Lust am gesamten Unterrichtsfach verliere. Dabei sollte uns Schule ja gerade heute zu lebenslangem Lernen befähigen. Bei den Lehrkräften geht es um psychologische Sicherheit im Team: Kann ich mich auch mit meiner Verletzlichkeit im Team zeigen? Vertrauen ist eine zentrale Gelingensbedingung für Erfolg in Teams an Schulen.“

Kann man es lernen, tragfähige Beziehungen aufzubauen?

„Zu einem gewissen Grad auf jeden Fall! Natürlich sind wir alle verschieden: Manche Schüler*innen oder Lehrkräfte sind extrovertiert und ziehen Energie aus dem Miteinander mit anderen. Manche sind introvertiert und es gibt ihnen eher Energie, wenn sie alleine sind. Unser Ziel bei „Verbindungstark“ ist es nicht, Persönlichkeitsmerkmale zu verändern. Vielmehr schauen wir: Welche Haltung, welches Mindset haben wir? Sehe ich Menschen mit ihren Fähigkeiten, Potenzialen und Talenten? Glaube ich daran, dass sich jeder Mensch weiterentwickeln kann? Das ist das sogenannte Growth Mindset. Wenn ich das transportieren kann, dann spüren das die Schüler*innen und glauben mehr an sich.

Dann gibt es noch die Ebene des Toolsets, damit sind vor allem Werkzeuge, aber auch Strukturen gemeint, die förderlich sind. Wie kann ich mir z. B. Feedback von Schüler*innen einholen, um gemeinsam den Unterricht weiterzuentwickeln? Damit verbunden ist wieder die angesprochene Haltung. Die Schüler*innen merken nämlich recht schnell, ob ihre Lehrer*innen wirklich wissen möchten, was sie zu sagen haben, oder ob sie nur ein neues Tool anwenden, das sie in einer Fortbildung kennengelernt haben.

Lass uns träumen: Was ist an einer Schule möglich, bei der die Beziehungen stimmen?

„Man hat an einer solchen Schule ein sehr gesundes, achtsames und lernförderliches Schulklima. Das ist die beste Voraussetzung dafür, dass unsere Kinder, aber auch die Lehrkräfte wirklich aufblühen können. Nicht zu verwechseln mit Kuschelpädagogik! Konflikte gibt es dann trotzdem, aber sie werden produktiv ausgetragen, man unterscheidet dabei z. B. zwischen der Sach- und der Beziehungsebene. Man geht produktiv mit Widerständen um, die z. B. auftreten können, wenn sich eine Schule in einem Change-Prozess nach außen öffnet. Dann fragt man: Welche Bedürfnisse stehen hinter dem Widerstand? Wie können wir den Prozess so gestalten, dass sich alle mitgenommen fühlen? Das sind solche Potenziale an den Schulen.“

Was nehmen Kinder und Jugendliche aus solch einer Schulkultur mit in ihre Zukunft?

„Die sogenannten Soft Skills und die damit verbundenen Haltungen sind in der sogenannten Neuen Arbeitswelt immer wichtiger. Denn das ist es, was uns von künstlicher Intelligenz unterscheidet! Wir werden nicht mehr als menschliche Inseln arbeiten können – egal, in welchem Arbeitskontext –, sondern wir sind vielmehr darauf angewiesen, dass wir Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen können. Entweder intensiv im Team oder mit unseren Kooperationspartner*innen, z. B. über ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Purpose, geteilte Werte. Darum wird es immer gehen in unserer hypervernetzten Welt. Das gilt nicht nur für physische Räume, in denen wir uns live begegnen, sondern auch für digitale Räume. Es ist wichtig für unsere Schüler*innen, dass sie auch im digitalen Raum Beziehungen aufbauen können. Wenn sie eine gute Beziehungsgestaltung in beiden Welten, physisch und digital, bereits in der Schule kennengelernt haben, haben sie wichtige Kompetenzen erworben.“

Interview: Valeska Falkenstein

Sven von der Heyde sitzt in einem Seminarraum und lächelt in die Kamera.
Menü